Ich schulde ja noch Fotos vom mittlerweile vorletzten Wochenende.
Auch einiges zu berichten gäbe es noch, auch wenn es inzwischen schon hundertmal erzählt und ausgewertet wurde. Aber wer weiß, vielleicht erinnert sich niemand mehr daran in fünf, zehn oder hundert Jahren?
Wir sind um halb sechs aufgestanden und haben um kurz nach sieben Uhr angefangen aufzubauen. Ein Lager für einen Tag ohne Nacht hintendran hatten wir bisher auch noch nicht… Wir waren aber nicht letzten Aufbauer, eher die ersten. Auch eine Feuerstelle durften wir eröffnen, nachdem der echte, einzige und oberste amtierende Feuerwehrhauptmann von Golm uns diese per Augenschein genehmigt hatte. Unser erstes amtlich geprüftes Lagerfeuer, hurra! Auch diesmal hat es aber leider nur für Hühnerdosensuppe und Abwaschwasser gereicht, wir geloben Besserung. Mehr war einfach nicht drin.

So langsam trudelte dann unsere Verstärkung ein. Es war fantastisch – alle passten farblich zueinander, ohne dass es irgendeine Art von Absprache gegeben hätte. Rot-Schwarz waren die Tagesfarben, unser „Quotenrömer“ ging damit allen voran.


Achja, der Quotenrömer: Irgenwie mussten wir dessen Anwesenheit in einem 13.-Jahrhundert-Lager in der gerade frisch von Albrecht dem Bären gegründeten Mark Brandenburg erklären, bekanntlich sind die Römer ja nur bis Machdeburch („nennen Sie mir ein Wort ohne G“) gekommen. Das geht so: Der Albrecht hat Siedler in seine Mark geholt, zum Sand schippen und Kiefern verbrennen. Die kamen aus den Niederlanden, aus Frankreich, aber auch aus dem Rheinland. Im Rheinland gab es Römer. Also sind die Römer auch in die Mark Brandenburg gekommen.
—Ich fand das sehr elegant.—

Nach der feierlichen Einkleidung, die ein bisschen an Priesterweihezeremonien erinnerte (genauer gesagt wurde alles mit Tuniken versorgt, was nicht bei drei auf dem Baum saß…;-)), wollten wir uns zum feierlichen Umzug aufstellen. Dieser Entschluss musste dann erstmal begossen werden, dachte sich das Wetter und machte aus Römern, Bauern, Magistern und Edeldamen ganz schnell Kamele und Schildkröten.

Dieser Guss zum unpassendsten Zeitpunkt war übrigens der einzige an diesem Tag. Sowas aber auch.
Der Umzug beschränkte sich dann auf einmal Straße rauf- und runterlaufen, zu mehr hätten die Kinder aber sowieso keine Lust gehabt. Leider war der Verleser an der Bühne bereits im Preußen des 18.Jahrhundert angekommen, als wir 13ler vor ihm standen. So richtig geglaubt hat uns das Preußentum keiner mit unseren übergeworfenen Kartoffelsäcken. Zum Glück haben es nicht allzuviele Menschen mitbekommen.

Es gab soviele Geschichten und Anekdötchen an diesem Tag:
* Der Magister, bereits in Gewandung und von Außenstehenden als Zugehöriger zu unserem Haufen zu erkennen, also eindeutig als in „Kostüm“ befindlich zu identifizieren, wurde von der örtlichen Pfarrerin, die wiederum in Zivil war, mit einem „Tag, Herr Kollege“ begrüßt. Außer den beiden Akteuren haben alle Umstehenden sehr herzhaft gelacht, die das alles überhaupt gar nicht verstanden.
* Unser jüngster Bogenschütze an der Bahn war 2,5 Jahre alt, unser ältster 92.5 Jahre!
* Volker hatte mir gesagt, ich sollte beim Zelt alle Häringe rausziehen. Ich habe alle Häringe rausgezogen. Dann fiel das Zelt um. Das fand Volker nicht lustig. Es war sein Zelt. Weiß ich, dass es den einen, besonderen, magischen Häring gibt, der NIE rausgezogen werden darf und an dem fünf Meter Zelt hängen?
* Dass es ein Dorffest war, haben wir vor allem abends gemerkt. Mein Fahrrad stand mangels Schloss den ganzen Tag unverschlossen an einer Laterne. Abends war es tatsächlich noch da. An einer anderen Laterne. Augenscheinlich benutzt. Danke, lieber Radler, dass Du es zurückgebracht hast. In Potsdam wäre es weggewesen.
* Und dann war da noch meine Handtasche. Ich saß vor der Bühne. Es war kurz vor Mitternacht. Alle waren fröhlich, um das andere Wort nicht zu benutzen…;-). Meine Tasche lag vor mir. Neben mir tauchte ein freundlicher Golmer auf, der auch schon sehr, sehr fröhlich war. Er erzählte mir was davon, dass meine Handtasche in der örtlichen Kneipe läge und ich jetzt mitkommen sollte, er ließ sich nicht davon abbringen. Gut, fröhlichen Menschen soll man nichts abschlagen, obwohl ich ja meine Tasche in meiner Hand hatte… Ich bin dann mitgegangen und traf dort auf weitere fröhliche Menschen. Einer von ihnen hatte – meine andere Handtasche. Mit Portemonnaie und anderen Wichtigkeiten in ihr. Die lag mindestens drei (!!!) Stunden ungeklaut draußen auf einem Stuhl, solange war es nämlich her, dass wir dort eine Bratwurst gegessen hatten. Der Gatte hatte mir gesagt, er hätte sie mit nach Hause genommen, deswegen habe ich das zuerst gar nicht geglaubt. Man hat in die Tasche reingesehen und sie anhand des Chaos in ihr der Ausweise mir zugeordnet und dann den freundlichen, fröhlichen und eigentlich völlig unbeteiligten Golmer losgeschickt um mich zu suchen, was ihm ja gelungen war.
* Ich bekam noch mehr Geschenke: eine Leihgabe von fünf Euro von dem Freund einer Freundin, weil ich an einem Stand gerade kein Geld dabei hatte. Und eine Flasche Saft vom örtlichen Gastronom, weil ich zwar Geld dabei hatte, das aber nur für zwei Kirschbier reichte (die waren einfach wichtiger). Ich sollte aber auch noch einen Saft für eine Fußkranke mitbringen. Nachdem ich dann die zwei Kirschbier bezahlt hatte, hat er mir den Saft einfach geschenkt, nachdem ich vorher gesagt hatte, dass ich nicht genug Geld habe. Am Montag bin ich dann erstmal losgefahren, Schulden bezahlen: Geld und auch einen Blumenstrauß für die Taschenfinderin.
*Volker und der Quotenrömer haben mich geschafft: Ich dachte eigentlich, dass ich bei einer Golm-Führung mehr und schneller rede, aber gegen die beiden hatte ich echt verloren an diesem Samstag. Der Magister und der Quotenrömer haben mir bei einem Gang auf den Reiherberg sogar solange zugeredet, dass der Ortname Golm vom Gollum kommt, irgendwann habe ich es ihnen geglaubt, damit sie aufhören zu reden. DAS hat wirklich noch keiner geschafft.

Original mittelalterlicher Gameboy
* Auch wenn es ortsunüblich war: Ja, bei uns hacken die Fünfjährigen das Holz fürs Feuer. Hat uns aber einige komische Blicke eingebracht, war schließlich eine richtige Axt. War ja aber auch richtiges Holz. Da er das aber kann und wir das wissen, haben uns die Blicke der Unwissenden nur unwesentlich gestört.

* Verlustmeldungen gab es zahlreich an diesem Tag: Irgendein Schwert fehlte immer. Ich habe alle halbe Stunden durchgezählt und Streit geschlichtet… Zum Schluss fehlte nur noch ein Holzschwert. Aber das hatten sich dann leider Einheimische Kleinlinge
ausgeliehen, durchgebrochen und in der Sandkiste vergraben. Nunja. Die linkselbischen Völker wussten schon, warum sie mit der Kolonisierung dieser Landstriche gewartet haben, bis sie genug Truppen zur Verfügung hatten. Beim Zählappell am Morgen danach hatten wir aber nicht nur drei statt zwei Katzentiere zu Hause
, sondern auch noch ein Holzschwert, einen Gürtel und zwei Hörner zuviel. So hat sich das dann wieder ausgeglichen.

Hier waren die Waffen noch vollzählig.
* Die Party ging dann am nächsten Tag beim Supermakt im Nachbarort weiter. Da halb Golm dort einkaufte, entspann sich ein lustiger Dialog mit zwei über siebzigjährigen Damen, die weißhaarig behaupteten: „In Golm, da steppt der Bär.“ Recht haben sie. Auch wenn wir nur 2000 Einwohner und ziemlich wenig Bären hier haben außer Albrecht.

Wer findet den Bären? Oder ist der aufgebunden?