Ich habe die Berichte von Mitbürgern und Mitmenschen über Pannen in der Telekommunikationsindustrie immer für leicht übertrieben gehalten (”so schlimm kanns doch nicht sein, war bestimmt alles nur ein Missverständnis”.) Jetzt weiss ich: Es war nicht übertrieben. Sie wollten mich nur schonen und haben mir nicht die Wahrheit gesagt.
Am Anfang war das Telefon. Es ist elf Jahre alt, passt in eine Tasche und kann telefonieren. Sonst nichts. Es leidet an Altersschwäche, so dass es sich nach spätestens zehn Sekunden Gesprächsdauer selber abschaltet. Ich bin der Meinung, das alles, was nicht innerhalb von zehn Sekunden gesagt werden kann, nicht wichtig ist. Mein Gatte ist der Meinung, ich muss immer und überall erreichbar sein, vielleicht muss er ja mal den Kindern alleine Abendbrot machen und weiss nicht wie oder Timmi will sich nicht anziehen lassen oder sonstige welterschütternde Katastrophen passieren. Ich habe mich ein halbes Jahr gegen ein neues Telefon gewehrt (man, wat für ne ruhige Zeit) und habe – verloren.
Also, ein neues Telefon muss her. Das geht doch online, oder? Ja, wenn man ein Passwort hat. Könnt Ihr Euch noch an Passwörter erinnern, die Ihr vor elf Jahren genau EINMAL benutzt habt? Sehr Ihr, ich auch nicht. Also muss ich ein neues Passwort beantragen. Dazu muss ich mir ein Formular von der Seite des Netzbetreibers runterladen und dieses ausgefüllt hinfaxen (wie anachronistisch). Dann bekomme ich einen Brief (STEINZEIT!), in dem das neue Passwort bestätigt wird. Jetzt könnte es ja losgehen. Also, eingeloggt, Tarif ausgesucht, Telefon ausgesucht, Tarifverlängerung angeklickt – nicht verfügbar für mein Konto. Das Spiel habe ich ungefähr 30 Minuten gespielt, in verschiedenen Kombinationen Tarif-Telefon-Vertragsabschlussmöglichkeiten. Nichts ging. Das Nervthermometer steht jetzt bei ungefähr 25% (ich wohne in Potsdam und bin einzelhandelsgestählt, daher der zu diesem Zeitpunkt relativ niedrige Quotient).
Also, Kind 1 beim Sport abgegeben und frohen Mutes mit Kind 2 (ebenfalls frohen Mutes) zum hiesigen Fachgeschäft des Netzbetreibers marschiert. Der Laden ist voll mit zwei Mitarbeitern und drei Kunden. Größer ist er nicht, deswegen ist er voll. Wir warten geduldig. Und warten. Kind 2, immer noch frohen Mutes, probiert indessen die magnetischen Sicherungen der ausgestellten Telefone aus. Anstatt sich zu beeilen, möchte Verkäuferin 1 uns am liebsten per Blick aus dem Laden haben, aber nein, ich bin da standfest und hartnäckig. Nachdem wir nach einem 20minütigen Beratunsgespräch mit dem Kunden vor mir (”Dieses Telefon hat einen automatischen Reißverschlussöffner, kann Mülltonnendeckel am Klang unterscheiden und braucht nur ab und zu etwas Bionade zum Auftanken”) immer noch nicht draußen sind, wendet sie sich uns zu. In diesem Moment beschließt Kind 2, nicht mehr frohen Mutes zu sein und die Dekoration des Ladens vor der Tür zu inspizieren. Zwei Luftballons und fünf Aufkleber reicher kommt er wieder rein. Inzwischen hat die Verkäuferin mein altes Telefon inspiziert, insgeheim hatte ich erwartet, dass sie sich dazu sterile Handschuhe anzieht, und für “da muss was Neues her” befunden. Also, Kollegen gefragt, wie man sich in den Computer einloggt (was hat sie eigentlich den ganzen Tag gemacht, bevor wir kamen?) und Konto gecheckt. Nervthermometer bis hierher: 35%. Kind zwei ist inzwischen hinter der Theke verschwunden (”Hilfe, nein, da sind lauter Knöpfe, der muss da raus”) und jetzt nörgelig, hungrig, und gar nicht mehr frohen Mutes. Nach Einsicht in meine Rechnung stellt sie fest, dass ich kein lohnender Kunde bin. Kind zwei hat jetzt rausgefunden, wie die magnetischen Sicherungen funktionieren. Als ihr sage, dass ich eigentlich nur telefonieren will, zählt sie diese drei Faktoren zusammen und empfiehlt mir wegen der “täglichen Belastung” (mit Blick auf Kind 2, das inzwischen beschließt, den Code des Schrankes mit den Neutelefonen zu knacken), mir ein Outdoorhandy zu verkaufen. Mit einem Rundumgummi. Nicht blöd, das Teil. Bloß blöd, dass die Dame, die dank ihres Kollegen, der sich in ihren Computer eingeloggt hat, inzwischen online ist, meinen Vertrag auch nicht verlängern kann. “Der von Ihnen gewählte Tarif (den sie mir empfohlen hat, nebenbei gesagt) ist wohl noch ganz neu von der Cebit (vier Wochen her), den kann ich hier nicht einsehen.” “Ähm, aber mein Telefon, das kann ich doch jetzt mitnehmen, oder?” Kind zwei hat inzwischen den Laden verlassen und beschlossen, sich beim Bäcker gegenüber ein Brötchen zu kaufen. “Nein, ich kann ihnen aber gerne die Typennummer aufschreiben, mit der gehen sie dann nach Hause und rufen von zu Hause aus die Hotline an, die kann Ihnen dann den gewünschten Tarif und das Telefon schicken.” Kind zwei kommt ohne Brötchen und heulend wieder. “Und warum rufen Sie jetzt nicht einfach an?” “Weil wir hier nicht mit der Kundenhotline telefonieren können.” Ich glaube ich sagte bereits, dass ich in einem Telefongeschäft war. Nervthermometer 60%. Eigentlich hätte ich spätestens hier aufgeben sollen, aber was tut man nicht alles für den Ehemann.
Abends dann, etwas erholt von Potsdam, überlegen wir gemeinsam, wie es weitergeht. Es ist Freitag, 21.30 Uhr. Wir sehen uns an und denken dasselbe: Jetzt oder nie. Wann hat eine studentische Aushilfe mehr Zeit und bessere Kondition als jetzt? Was wir jetzt noch bräuchten, wäre die Telefonnummer, wie wir diese sicherlich nette junge Dame erreichen. Die hat mir die Verkäuferin des Telefongeschäftes nämlich nicht mitgeteilt. Also, rasch wieder Kollege Komputer befragt. Der spuckt mir aber nur eine Nummer aus, die ich von meinem Handy erreichen kann. Das ist aber kaputt. Wie soll ich denn eine Hotline für kaputte Handys mit einem kaputten Handy erreichen? Hrrrgh. 70%. In einem Untermenü für Businesskunden finde ich dann eine Nummer mit Vorwahl. Ich wähle und es geht tatsächlich jemand ran. Ich kürze jetzt mal ab:
* Der Tarif, den die Kollegin aus Potsdam empfohlen hat, existiert überhaupt nicht.
* Das Telefon, das die Kollegin aus Potsdam empfohlen hat, ist nicht lieferbar.
* Macht aber nichts, denn der Tarif, den die Kollegin in Potsdam empfohlenen hat und der nicht existiert, wäre sowieso nicht mit dem Telefon, das die Kollegin in Potsdam empfohlen hat und das nicht lieferbar ist, kombinierbar gewesen.
* Das zweite Outdoorhandy von einer anderen Firma ist ebenfalls nicht lieferbar.
85%.
OK, wir fangen also wieder ganz von vorne an. Bevor ich anfange zu schreien, sage ich ganz leise: “Ich möchte telefonieren mit dem Telefon, bitte. Und vielleicht noch ein oder zwei Fotos machen können, sonst nichts.” Irgendwann höre ich nicht mehr zu und antworte am Schluss des 45minütigen Telefonates auf die Frage, ob ich das Modell jetzt haben möchte (welches? keine Ahnung), nur noch vier- oder fünfmal Ja (Kaufvertragszustimmung, Belehrung über Widerruf, Zustimmung zur Tarifänderung Belehrung über Rücktrittsrecht und den Rest habe ich vergessen) und lasse mir dann sagen, dass dieses Modell auch leider nicht sofort lieferbar ist. Das ist mir jetzt aber völlig egal. 95%.
Zehn Tage später ist das Telefon tatsächlich eingetroffen. Ich schreibe noch schnell 126 (!) Namen und Telefonnummern per Hand von meinem alten Handy ab, weil es leider keine Möglichkeit gibt, die Nummern aus dem Telefonspeicher zu übertragen. Dann versuche ich zuerst, das neue Telefon zu öffnen, um Karte und Akku einzulegen. Die Gebrauchsanleitung sagt: Öffnen sie das Telefon.
Ahja.
Die Erfahrungsberichte im Internet sagen: “Firma N… hat bei der Telefonabdeckung von Modell X eine völlige Fehlkonstruktion hingelegt, nur mit roher Gewalt und viel Geschick kommt man an die Innereien heran.” Der Autor hat den Faktor Zeit vergessen. Ich brauche fast zwanzig Minuten, bis ich das Sch…Ding offen habe. Jetzt muss ich aber noch die Karte aus dem alten Telefon nehmen, dessen Rückwand mit drei Sicherungsknöpfen versehen ist, die man wahrscheinlich gleichzeitig drücken und den Deckel abschieben muss. Ich hab doch bloss zwei Hände. Also, wieder gegooglet und auf der Seite des Herstellers gesucht. Dort ist das Modell selbst im werkseigenen Archiv nicht mehr gelistet, wahrscheinlich, weil das nur zehn Jahre zurückreicht. Die Erfahrungsberichte von Anwendern für dieses Modell reichen von “aufsägen” über “umtauschen” bis “meine Katze hats gefressen”. Einer bot sogar gegen Geld an (kein Witz!), nichts weiter zu tun, als Abdeckungen von Telefonen dieses Herstellers zu öffnen.
100%.
Jetzt ist es Zeit, den Hammer zu holen und der Haftpflichtversicherung einen Schadensfall zu melden.
Sacht mal, das kann doch nicht sein, dass die es innerhalb von ELF Jahren nicht geschafft haben, an dieser augenscheinlich nicht funktionierenden Konstruktion etwas zu ändern?
Irgendwann war dann doch die alte Karte im neuen und das neue betriebs- und telefonbereit. Ich kann jetzt mit meinem Telefon telefonieren, fotografieren, filmen, Radio hören, e-mails-schreiben, im Internet einkaufen, nur keine SMS schicken, das konnte ich mit meinem 11 Jahre alten aber vorher. Dafür muss ich mich nämlich mit meinem neuen Telefon erst bei irgendeiner Zentrale anmelden, die automatische Wortergänzung ausschalten, irgendwas aktivieren…
Ach, vergessen wirs einfach. Außerdem habe ich dafür sowieso keine Zeit. Ich muss schließlich noch 126 Namen und Telefonnummern einspeichern.
Ich empfehle ein Handy vom Discounter + klarmobilkarte
Es sei denn man braucht eine Flatrate, dann kann man auch zu einem subventionierten Handy greifen
Frank
…ich wollte doch aber die Nummer behalten und das wäre bei Geräteneukauf + klarmobile (oder what immer) nicht gegangen.
Kann ich meine alte Rufnummer mitnehmen?
Ja, es besteht die Möglichkeit, Ihre derzeitige Rufnummer zu klarmobil mitzunehmen. Geben Sie dazu im Bestellvorgang an, dass Sie Ihre Rufnummer portieren möchten. Bitte beachten Sie, dass die Portierung mit Kosten verbunden ist und das für die Portierung bestimmte Voraussetzungen erfüllt sein müssen. (Schauen Sie bitte dazu auch unter “Welche Vorraussetzungen müssen für die Rufnummernmitnahme erfüllt sein”.) Sollten Sie Ihre Rufnummer nicht portieren, haben Sie online über unsere Internetseite die Möglichkeit, 50 Visitenkarten per SMS mit Ihrer neuen Rufnummer an Ihre Freunde und Bekannten zu versenden. Nutzen Sie dazu einfach die für Sie bereitgestellen Vistitenkarten SMS unter “Mein Konto” SMS Versand/Visitenkarten.
Frank
Hallo, mit meinem neuen Handy war es ähnlich. Ich sagte der Kundenberatung, dass ich ein benutzerfreundliches-möglicherweise ein Seniorenhaandy? haben will, dass nichts kann außer von China telefonieren( Mimi fliegt da wohl hin) , es soll nicht Möhren raspeln können und auch nicht Tee kochen.Jetzt habe ich ein Ultraneuteil, dass nur absolut grausige Klingeltöne von sich gibt und ( die einzige Sonderfunktion, die ich benutzte) keine Stoppuhr hat. Wir der Klingelton von dem ganz unerträglichen auf den mäßig unerträglichen umgestellt eir, war per Anleitunmg nicht zu ermitteln, die Hotline hatte dann auch ein echtes problem, fand dann aber die Lösung( Vielen dank, dass sie gewartet habe) Nachdem aber die PIN verweigert, die richtige PUK genommen wurde und dass Handy dann sein SIM karte zerschoss, bewies die Hotline Grösse und Kompetenz: innerhalb von 2 Tagen hatte ich eine neue Sim kostenlos und alles geht !!! Wie lange?